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Der Ticker kommt heute von @Pausanias.

Feuer und Sehnsucht, aber ironisch!

Prolog

Die letzten Monate waren anstrengend: Pandemie, Deutscher Digitaler Rückstand in allen Schulen at its worst, und das nässende Ekzem von Ex-US-Präsident still keeps his small fingers on the trigger. Es geht auf Weihnachten zu. Ich hab gar keine Lust, bei heise-online was zu Uploadfiltern zu finden. Darum soll diese Vorweihnachtswoche im Zeichen der Liebe stehen*)! Ein bisschen Schwadronieren über die Liebe wird uns allen gut tun.

#1 - Die romantische Liebe

Das Thema meiner ersten Ausgabe des Tickers der Liebe soll die romantische Liebe sein. Sie steht am Anfang, kaum sind uns im Rahmen der Pubertät genug Hormone ins Gehirn geschossen, geht es um die romantische Liebe. In den frühen Disney-Filmen ein wahrer Gender-Alptraum: die Prinzessin, die von irgendeinem schönen Prinzen weggepflückt werden will, der Prinz, der irgendwie gewalttätig werden muss, um seine Liebe zu beweisen - und das ganze natürlich schön "rein", es geht darum, sich gegenseitig Verse aufsagen und sich damit nicht nur genug, sondern alles zu sein.

In der romantischen Liebe kommen kein Zervixschleim und keine Erektionen vor.

Und auch wenn in den Trickfilmen inzwischen leichte Tendenzen erkennbar sind, dass die Frauenrollen so etwas ähnliches wie selbstbestimmt handeln (zum Beispiel bei Shrek und bei Elsa), so bleibt die romantische Liebe in den Darstellungen doch ein Ideal, eine Verheißung, eine Projektion in die unbestimmte Zukunft. Diese Zukunft wird bis heute mit "und ab da waren sie dann eben glücklich" zusammengefasst und gut ist.

Klingt ja voll bescheuert. Und wenn man das so ironisch abtut, wie ich das hier gerade gemacht habe, dann wären alle Liebesfilme ja nur völlige Flops. Sind sie aber nicht. Die Soziologin Eva Illouz hat in einem etwas älteren Interview gesagt: "Pornos und Disney trifft keine alleinige Schuld. Romanzenfilme wären etwa nicht erfolgreich, wenn tiefer sitzende Normen nicht die monogame Ehe propagieren würden." Das beschreibt etwas umständlich, aber ich glaube ziemlich treffend, was in mir passiert, wenn Scarlett ganz zum Schluss sagt: "Ich werde einen Weg zu ihm finden, aber nicht heute, verschieben wir's auf morgen."

Und tatsächlich glauben auch Annemarie und Boris aus Marl-Sinsen für eine gewisse Zeit, dass nur sie beide für einander geschaffen sind. Sie halten den Zufall, dass sie sich, zwei unter 6 Mrd. Menschen!, an der Rolltreppe des Marler Sterns getroffen haben, nicht für Zufall, sondern für Verheißung. Das ist, entgegen meines witzelnden Tonfalls, tatsächlich etwas Magisches. Es setzt ungeahnte Kräfte frei und lässt sie Dinge tun, die sie zuvor noch nie getan haben und aller Wahrscheinlichkeit nach auch später wohl nicht mehr tun werden. Diese Phase der romantischen Liebe wird sie immer begleiten, sogar dann, wenn die Beziehung irgendwann in die Binsen gehen sollte.

Die unglaublich tolle Toni Morrison hat gesagt: "Der Instinkt, sich um einen Fremden zu kümmern, ihm zugetan zu sein, ist eine radikale Idee." Und irgendwo darin liegt wahrscheinlich das, was wir nicht beschreiben können, wenn wir uns das Hirn zermartern über die Frage, was Liebe eigentlich ist. Ich glaube, dass am Anfang jeder Beziehung, den langen wie den kurzen, eine wie auch immer geartete romantische Liebe steht.

Der Autor Houssam Hamade hat folgendes ins Internet geschrieben: "Vertraue nicht den Geschichten von Sonnenuntergängen und Happy End. Happy End ist ein glücklicher Tod. Aber Liebe ist größer als das." Damit hat er sicher recht.

Aber bei aller Fragwürdigkeit von Heiraten in Kleidern, die wie aufgeplatzte Sofakissen aussehen, und die Braut küssen wie man einen Döner isst: mir ist es insgesamt schon wieder einen Tacken zu en vogue, die romantische Liebe für ausschließlich blödsinnig zu erklären. Ich halte es für eher unwahrscheinlich, dass eine Beziehung mit "Tach, nicer Zervixschleim!" und "Deine Erektion ist aber auch nicht von schlechten Eltern!" beginnen kann**). Die romantische Liebe ist letztlich eine der rohesten Formen von Energie, die zwischen zwei Menschen vorstellbar ist. Und das ist doch irgendwie gile - und nötig.

Und apropos gile und nötig: morgen schreibe ich was zu Sex. Ich hab schon bisschen Angst davor.

*) Ich zittere schon seit letzte Woche Mittwoch, weil ich noch nie über die Liebe geschrieben habe und weil die Welt wahrscheinlich nur so mittel stark einer weiteren ciswhitemale-Einschätzung dieses Themas bedarf. Aber vielleicht gelingt es ja, einmal zumindest ein bisschen aus dem rasenden Karussell des Internetdiskurses auszusteigen, und Ihr nehmt meine zaghaften Versuche für einen Perspektivwechsel als Anlass, den einen oder anderen Anstoss weiterzuverfolgen oder selbst gleich ganz neue Impulse zu setzen.

**) Obwohl... eigentlich doch. Aber das wäre ja auch auf eine ganz spezielle Art schon wieder romantisch.
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